Hallo, ich bin neu hier im Forum,
ich würde gerne eine Kanutour in Schweden machen. Etwas wo man nicht so weit fahren muss und man gut erreichen kann. Wir suchen eine Tour welche möglichst einsam ist und es schöne See, Inseln und Übernachtungsplätze hat. Kennt jemand eventuell jemand eine geeigneten Tour und einen Kanu Verleiher vor Ort? Es wäre uns wichtig das wir ganz alleine in dem Gebiet sind und möglichst kein Zivilisation sehen. Ein echter Wildnis Urlaub halt.
Freue mich über viele Tips
Euer John Smith

Solche Forum Posts findet man immer mal wieder. Ist schon recht witzig, wenn man sich das mal genauer überlegt. Nun, unter Umständen hat man so etwas selber auch schon mal in einem Forum oder in einer Mail geschrieben. Soll durchaus vorkommen. Vergessen wir diese Jugend Sünden mal und betrachten dies mal etwas genauer*1.

  • Ein Kanu Verleiher/Anbieter kann, auch nicht in Schweden, davon leben, wenn er einmal im Monat ein Kanu verleiht und die Gruppe zum Start Punkt bringt und wieder abholt.
  • Wenn es in einem Gebiet einen Kanu Verleiher gibt, so bedeutet dies, dass er wahrscheinlich betriebswirtschaftlich ein Plus macht. Was daraus folgt: Siehe ein Punkt weiter oben.
  • Wenn man zwei Gruppen fragt: “Möchtet ihr eine Kanutour in einem schönen, einsamen Gebiet mit schönen Lagerplätzen und unberührter Natur machen, oder lieber in ein langweiliges, tristes und überlaufenes Gebiet mit lauter grölenden Vollidioten welche dort umher paddeln?“, so wird sich höchst wahrscheinlich die Mehrheit, für das erste Gebiet entscheiden.
  • Möchten sie lieber 6 Stunden für die Anreise zum Urlaubsgebiet auf sich nehmen, oder bevorzugen sie eine Anreise von 36 Stunden, mit ihren quengelnden und verzogenen Kindern auf dem Rücksitz? Auch hier wird es statistisch gesehen nicht auf 50:50 bei den Antworten hinaus laufen.

 

Geheimtip Kanutour

Kanu wandern ist kein Geheimtipp. Genauso wenig die Tatsache, dass man dafür nach Schweden, Finnland, Norwegen oder eben nach Skandinavien fährt. (Ist so ähnlich wie mit den Insider Tipps von den Marco Polo Reiseführern. Bei einer Millionen Auflage. Nimmt die denn überhaupt noch jemand ernst?). Das einzige was glücklicherweise dafür sorgt, das Schweden immer noch ein relativ leeres Urlaubsland ist, sind zum einen die Mücken  und die Tatsache das es sehr viele Menschen gibt, welche Sommerurlaub allein dadurch definieren das es ab 10 Uhr morgens mindestens 30 Grad Celsius haben muss. Es bleiben aber dann immer noch genügend Leute übrig, welche in den Monaten Juni, Juli, August, September zum Kanuwanderen oder Natur Urlaub nach Skandinavien kommen.

fluss ueberlaufen

Bild: Da hatten wohl viele die gleiche Idee

Skandinavien ist groß und hat auch wesentlich weniger Bewohner pro Quadratkilometer als Deutschland. Trotzdem kann es sein, daß man auf Kanutouren, auch gerne mal andere Kanuten trifft. Es soll sogar vorkommen, dass Einheimische die Frechheit besitzen genau an diesen Fluss oder See zum Angeln kommen welchen man gerade annektiert hat.  Und jetzt kommt das Unglaublichste von allem: Schwedische Jugendliche zeigen unter übermäßigen Akoholkonsum dieselben Ausfallerscheinungen wie unsere verzogene Jugend in Deutschland. Frechheit. Wenn sich die Dorfjugend zum Feiern trifft, dann ziehen die sich nicht mal ins Sumpfgebiet zurück, sondern sitzen tatsächlich an diesem wunderschönen Grillplatz von dem man den ganzen See überblicken kann.... und der war doch eigentlich für einen persönlich zur Übernachtung vorgesehen. Ja, da funktioniert diese Sache mit dem Handtuch Liegen reservieren auch nicht mehr.

 

Tolle Begegnungen auf Kanutouren mit anderen Menschen

Wir haben schon ein paar Touren gemacht wo wir 2 oder 3 Tage am Stück niemanden getroffen haben. Aber wenn doch, so waren diese Begegnungen fast immer eine Bereicherung auf die eine oder andere Art.

  • Eine Schweizer Fliegenfischer Truppe, die  so vom Lachs angeln geschwärmt haben, daß wir uns fast Dynamit besorgt hätten, um an diese Dinger zu kommen die einfach nicht in unseren Wobbler beissen wollten. Tage später haben sie uns dann noch per Versteckkoordinaten mit Cocktails und anderen überlebenswichtigen Dingen versorgt.
  • Schwedische Familen mit Kindern. Die Kinder hatten sich zum Ziel gesetzt, uns Schwedisch bei zu bringen. Dass wir eine 24 stündige Anfahrt hinter uns hatten, somit an diesem Abend total kaputt waren, wurde einfach ignoriert. Sie haben uns einfach geweckt. Fantastisch diese kindliche Begeisterungsfähigkeit, da kann man nicht mal böse werden. Ein Erwachsener wäre übrigens einen qualvollen Tod gestorben.
  • Eine deutsche Familie die es geschafft hat, zwei 18 jährige Söhne mit auf eine Kanutour zu nehmen. Da das Nachtlager recht nah beieinander war, kamen die beiden noch auf einen Drink zu uns ans Lagerfeuer. Herrlich. Einer der beiden hatte utopischen Vorstellungen bezüglich seiner Karriere bei einer super-geheimen Spezialabteilung der Bundeswehr. Wir mussten ihn leider mit schwerwiegenden Gegenargumenten bei  seinem gedanklichen Höhenflug vom Himmel schiessen. Ein wirklich göttlicher Abend. Wir hatten am nächsten Tag Bauchweh, weil wir so viel gelacht haben. Aber leider auch einen deutschen SEALS weniger.
  • In Finnland haben wir den Park Ranger and the Policeman auf einer Kanutour in Lappland getroffen (Reisebericht: Kanutour Poroeno / Lätäseno). Über dieses Treffen lachen wir, jedes mal aufs neue wenn wir daran zurückdenken.

 Kanu-macht-gluecklich

Bild: Kanufahren und tolle Menschen treffen

 

Richtige Einstellung und Realismus bei der Auswahl der Kanutour

Echte, ausgewachsene Vollidioten haben wir in Skandinavien nie getroffen. In den meisten Fällen wissen die Personen beim Kanuwandern sich zu benehmen. Wenn man also die Begeisterung fürs Kanuwandern hat, soll man doch bitte nicht jedes mal aufstöhnen wenn man andere sieht, welche genau dasselbe Hobby haben. Selbst wenn es mehrere Gruppen sind. Wenn sich jeder ordentlich und sauber verhält, und zum Beispiel seinen Schei... auch tief genug vergräbt, kann am Abend danach problemlos die nächste Gruppe am selben Lagerplatz sitzen und echtes Wildnis Feeling aufkommen. Und sollten halt doch mal Vollidioten den Platz vorher heimgesucht haben, so bricht man sich auch keinen ab, wenn man die eigene Mülltüte noch mit fremden Hinterlassenschaften befüllt, oder man sonst wie für Ordnung sorgt. Wenn man diesen Müll mitnimmt, führt das allerhöchsten dazu, daß die Touristen einen besseren Ruf bei den Einheimischen bekommen.
Wenn es  jetzt aber doch unbedingt die echte, wahre Einsamkeit sein muß, so kann man beruhigt sein, es gibt sie noch in Skandinavien - aber wenn man sie finden möchte, ist dies mit Mehraufwand verbunden. Dies ist ebenfalls kein Geheimnis: Je weiter man Richtung Norden fährt, desto einsamer wird es auch. Aber dies bringt auch, zumindest von Deutschland aus gesehen, eine längere Anreise mit sich. Dies kostet Zeit und Geld.

  • Je schwerer ein Gebiet zu erreichen ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit das diese Mühen auch noch andere Gruppen auf sich nehmen.
  • Wenn der Startpunkt nur mit dem Helikopter, Wasserflieger oder durch eine mehrtägige Wanderung zu erreichen ist, so gilt auch hier, der Einsamkeit-Wildnis Faktor liegt höchstwahrscheinlich äußerst hoch.
  • Der Preis für diese exklusive Touren muß aber in den meisten Fällen bezahlt werden. Wenn ein Kanu Verleiher, eine Gruppe über 5 Stunden ins Hinterland fahren oder gar fliegen muß, so kostet dies Geld. Dann sollte man die Sache mit dem Kanuwandern aber auch im Griff haben. Hilfe zu rufen ist dann nämlich genauso beschwerlich. Oft ist in diesen abgelegenen Gebieten auch kein Handy Empfang mehr möglich.


Video: Kanutour am Kaitum River / schwedisch Lappland. Start am Kaitumjaure nur per Wasserflugzeug oder Wanderung erreichbar


Aber man muss nicht immer gleich nach Lappland. In vielen Foren wird das Wort „überlaufen“  einfach falsch verwendet. Da bedeutet das dann, dass man 3 andere Kanus am Tag getroffen hat. Wir haben auch schon in Süd- und Mittelschweden Kanutouren unternommen, mitten im August, und es war alles dabei: Drei Tage keine Sau getroffen, Elch, Biber und eine eigene Insel mitten im See mit einer unbeschreiblichen Ruhe.


Allerdings kann man seit ein paar Jahren leider folgenden Trend beobachten:

Reiseanbieter, welche mit „Individual- Kanu Reisen in Schweden“ werben, und die Leute für x99 EURO Preisen, im Reisebus nach Schweden karren, und zwar täglich. Was sonst immer Richtung Süden nach Lorette de Mar gefahren ist, fährt jetzt auch Richtung Norden. Das ist nicht schön. Damit wird dem Bild vom schönen Kanu Urlaub in Schweden kräftig Schaden zugefügt. Wenn diese Schleuserfirmen ihre Fracht gerade abgeliefert haben, kann es durchaus mal problematisch werden, einen schönen Lagerplatz zu finden. Wir mußten die Ankunft von so einem Bus mal selber mit ansehen. Da denkt man nur noch :“WTF, das ist jetzt aber echt mal ein Horror Szenario“.
Wir bitten wirklich darum, sich gründlich zu überlegen ob man so etwas mitmacht. Man sollte hier wirklich lieber etwas Mehraufwand betreiben und die Organisation selber übernehmen. Dies unterstützt auch die lokalen Anbieter vor Ort. Link: Liste mit Kanuverleihern


*1: Bitte nicht falsch verstehen. Wir sind auch total froh über diese Foren und finden dort selber ebenfalls super Tips. Die Leute dort sind oft sehr hilfsbereit und diese Sammlung von Informationen dort sind oft Gold wert. Dort treiben sich oft echte Profis rum welche einen gerne unterstützen.